Olaf Steinkühler

Analoge Fotografie  B A D E N  B A D E N  / Neue analoge Fotografie / Format 125 x 175 cm / 5&2

Dies ist ein erster Test Print vom Color Negativ 

Der deutsche Fotokünstler Olaf Steinkühler studierte Fotografie bei Prof. Gottfried Jäger und Prof. Karl Martin Holzhäuser und widmet sich seit 1984 seinem Projekt "Der Moment zwischen zwei Gedanken". Ausstellungen zu seinem Thema wurden u.a. in Hamburg in der Zeit von 2007 - 2013 gezeigt. Das Jahr 2013 beginnt mit einer Werkschau und einer Dauerausstellung in Hamburg in der Schnackenburgalle 50 mit Arbeiten aus 1984-2013, kuratiert von Prof. Dr. Roman Deppner. Innerhalb des Hamburger Unternehmens Wolff & Olsen werden z.zt. 77 großformatige Fotografien auf einer Fläche von 1000 qm präsentiert. In 2013 wird eine Publikation gestaltet, die 2014 den Gesamtzyklus von 1984 bis 2014 in Form einer Buchreihe darstellt. Eine Reihe von Ausstellungen wird das Projekt in verschiedenen Städten zeigen. Olaf Steinkühler fotografiert seine Projekte analog auf Film und printet stets eine limitierte Auflage, die zumeist 5 & 1 Exemplare umfaßt. Prof. Dr. Martin Roman Deppner kuratiert das langfristig angelegte Projekt.

2015 ensteht das Werksverzeichnis mit Fotoarbeiten aus 1984 - 2016 in Zusammenarbeit mit Jürgen Krieger / Art Indentity München. Weitere Publikationen werden folgen. Ab November 2015 zeigt das CLASSICON in München eine Werkschau von Olaf Steinkühler. Die zwischen 2010 und 2015 analog fotografierte Arbeit "Alpträume" präsentiert sich Ende 2015 erstmals in der Öffentlichkeit.

 

Entrückung als Ereignis / Prof. Dr. Martin Roman Deppner

Lichtmodulationen, Ausschnitt und Fokussierung des Sehfeldes, Detailvergrößerung, dazu Tiefenschärfe und teleskopische Weitsicht sind jene Eigenschaften des fotografischen Verfahrens, dem das Foto als Bild seine Wandlungsfähigkeit verdankt. Der Einsatz dieser Parameter macht es möglich, die Wiedergabequalitäten des Aufzeichnungsmediums Fotografie, des fotografischen Apparates, zu immer neuen Seh-Abenteuern zu führen. Übersetzung des Gesehenen in optische Muster, nicht einfach Übertragung des äußeren Scheins, macht das  Foto zu einem ereignisreichen Bild, das mehr zeigt, als das Bekannte.

Die gewählte und gezeigte Perspektive entspringt dabei einer konzeptionellen Entscheidung. Seit Beginn seiner fotografischen Bildfindung DER MOMENT ZWISCHEN 2 GEDANKEN fokussiert Olaf Steinkühler den Blick mittels einer einheitlich definierten Brennweite. Durch den Einsatz der optischen Vielseitigkeit fotografischer Instrumente, mit wechselnden analogen Kameras und Lichtführungen, gelingt es, bereits durch Bilderverschleiß abgenutzte Motive zu neuen Bildereignissen zu verdichten.  

Sonnenstände und Meereswogen, Himmelserscheinungen und Wolkenkonstellationen, Möwen am Strand und Bäume in den Bergen verlieren in seinen Bildreflexen ihre nostalgische Leere. Lichtbrechungen und Schwarzzonen, Graustufen und Spiegelungen entfachen einen Resonanzraum für Entdeckungen im Sehfeld, die den motivischen Anlass hinter sich lassen. Der Fotograf führt die Blicke auf seine Sicht der Dinge, die es versteht, zu entrücken. Was sich als Gegenstand aufdrängt erhält durch diese Verschiebung  eine andere Präsenz,  die Präsenz des ästhetischen Augenblicks -  eines durch die Linsen des Auges und des Apparates geführten und verwandelten Ereignisses.

Martin Roman Deppner, Hamburg, den 15. August 2013

 

Das Erwachen der Fotografie: Tagträume werden Bild  /  Prof. Dr. Martin Roman Deppner

Der erste Augenaufschlag, der erste Blick: Das Außen konstituiert sich im Auge als ein Gegenüber aus Licht und Schatten, Umrissen und Strukturen, Gegenständen, Farben und Bewegungsimpulsen. Kann ein Foto Zeuge eines solchen Erlebnisses sein? Der im Foto festgehaltene Moment stellt eine Einmaligkeit da. Jeder erlebte Augenblick geht vorüber, das Foto aber, legt Zeugnis darüber ab, was durch das Objektiv der Kamera gesehen wurde. Das gilt für jeden fotografischen Akt;  dieser wird dann zu etwas Besonderem, wenn die Eigenschaft des Fotografierens, ihre Kraft, die Einmaligkeit Bild werden zu lassen, den Blick des Fotografen leitet.

Im Bewusstsein, einmalig erlebte Momente im Bild festhalten zu können, diese stets erneut wie einen ersten Augenaufschlag, wie einen ersten Blick als ein Ereignis der Wahrnehmung zu adeln, ist der fotografischen Kunst von Olaf Steinkühler eingeschrieben. Seine ins Bildgesetzten Lichtspuren verfolgen dieses Ziel nicht alleine durch das eigene Staunen über das Erlebte als Vorbotin zu einem Bildereignis mit suggestiver Kraft. Ihre Ausstrahlung gewinnen die Fotografien der ziehenden Wolken, Lichtspiegelungen und Meereswogen durch die dem Augenblick entgegen gesetzte Anmutung des Vorübergehenden. In dieser Zusammenführung liegt jene Kraft der Zwischenbildlichkeit, die sich nicht allein aus der Motivwahl ergibt, sondern aus der Haltung des Fotografens, dem ersten Augenaufschlag, dem ersten Blick auf die Welt seine Einmaligkeit erhalten zu wollen und in jedem Foto neu zur Anschauung zu bringen.

Olaf Steinkühler geht diesen Anschauungskonstellationen, die er selbst Tagtraum-Momente nennt, in seinen Arbeiten nach und hat sie als „Moment zwischen zwei Gedanken“  bezeichnet. Das Unbewusste erfährt so die Möglichkeit, den Blick zu lenken. Das Auge erlebt sich als Einfallstor der Außendaten und als Fenster zur Welt zugleich, eine Schwelle, an der sich Innenrepräsentation  und Außenrepräsentation begegnen. Ein Mensch geht vorüber, ein Unbekannter, ein Fremder, ein Anderer, wie die Wolken und das Licht. Olaf Steinkühler versetzt sich in einen Zustand, der die Perspektive des Rückbesinnens auf die Erfahrbarkeit der Welt mit allen Sinnen einnimmt. Was ihm wichtig ist, ist der Reflex des oft Übersehenen, der Anfang des Erkennens: Der Wahrnehmende wirft den Blick auf das Außerhalb seiner Befindlichkeit, auf das durch die eigene Haut getrennte, auf eine Handlung, auf einen Ausschnitt. Was seine Sinne zu stimulieren vermag und seine Aufmerksamkeit erregt, ist  der flüchtigen Zeit unterworfen. Alles wird Prozess, Fortleitung, Flucht, dem auch das wahrnehmende Ich - als Teil einer alles durchflutenden Bewegung des Lebens - sich nicht entziehen kann. Kaum hat der Reflex des Auges stattgefunden, werden neurologische Potenzen in Bewegung gesetzt, treten die verkabelten Sinne auf den Plan und ordnen mit Hilfe gespeicherter Daten das Wahrgenommene. Es ist das Vermögen, im Prozeß des Verschwindens Haltestellen des Verweilens einzulagern, Erinnerung auf Zeit, Fragmente des Erlebens, denen das Vergessen beigefügt ist aber auch jener Zwischenzustand, dem unbewusste, verdrängte Erfahrungssplitter beigemengt werden können.

Das äußerlich Ganze, an das jeder sich stets zu erinnern sucht, in einem Medium, das das Außen reflektierend an das eigene Auge als flüchtiges Bild zurückwirft, hat in den Fotografien Olaf Steinkühlers jene träumerische Dimension hinzugewonnen, die wir auch die romantische nennen können. Wie in den Bildern der Romantiker wird nicht allein der eine unwechselbare Augenblick Bild, sondern der Augenblick des Wandelns, als Bild der vorüber ziehenden Lichtkonstellationen z.B. Es sind Materialisierungen  eines Bild erzeugenden Mediums, die Bewegungen zwischen Innen und Außen, zwischen Gefühl und Reflexion, zwischen Flüchtigkeit und Dauer, zwischen Tag und Traum zu veranschaulichen suchen.

Nicht nur das Resultat, auch die den Fotografen Olaf Steinkühler inspirierende Erscheinungswelt verdeutlicht ein Gespür für die Fotografie als eines wesentlich vom Licht her bestimmten Mediums. Dem bekannten Bauhauskünstler und Fotografen Laszlo Moholy Nagy zufolge ist das „wesentliche Werkzeug des fotografischen Verfahrens... nicht die Kamera, sondern die lichtempfindliche Schicht“ des materiellen Bildträgers, dem Fotopapier.  Wie diese sich gegenüber den Lichteinwirkungen verhalte, bestimme die spezifischen  fotografischen Gesetze und Methoden. Die Entscheidung für eine Fotografie, die das Licht über den Einfall in die Kamera auf den Film fixiert und dann im Labor auf lichtempfindlichen Papier  materielles Bild werden lässt, ist zugleich eine Entscheidung gegen die verführerischen Schnellschüsse digitaler Bilderzeugung. Die Black-Box des Rechners und den Möglichkeiten Pixel verschiebender Eingriffe werden von Olaf Steinkühler nicht jene Wirkung zugetraut, die dem traditionellen Kamerabild eigen ist. Die durch unmittelbare Zeugenschaft belegte Anwesenheit eines durch die Linsen geführten Sehens erweitert sich jedoch auch hier durch den Eingriff in die Zeit des fotografischen Augenblicks.

Die lange Suche nach sowohl ungewöhnlichen wie der Zeit enthobenen Perspektiven in den Spiegelungen des Lichts gerät bei Olaf Steinkühler  zur Erweiterung des Zeitfensters.

Die in das fotografische Bild eingewobenen Schichten überlagern sich folglich  mit dem Soforteindruck einer wiedergegebenen Situation, laden es auf. Das Foto oszilliert zwischen entzifferbaren und konzeptionellen Anteilen.  Mit ihren medialen Wirkmustern Ausschnittsfokussierung und Augenblicklichkeit etwa motiviert die Kamera auch Olaf Steinkühler zu anderen, Licht verwandelnden Werken, Diese sucht er zwischen Licht und Schatten, zwischen Vorstellungs- und Erfahrungsbild zu realisieren - nicht zur Bestätigung des Gesehenen, sondern als Merkmal des Unterschieds.

Was ein Bild sei, welchen Sinn es noch verkörpere, wird gegenwärtig häufig gefragt. Die Bildermaschinen mit ihren millionenfachen Resultaten haben das Verständnis über den Existenzgrund von Bildern neu herausgefordert. Vom Bilderverschleiß in einer beschleunigten Zeit ist die Rede, von den Verschiebungen zwischen Bild und Gegenstand sowie von der Eigendynamik visueller Zeichen, losgelöst von Körperlichkeit und materieller Substanz. Ein Bilderstreit bezüglich Wahrhaftigkeit und Voyeurismus ist ausgerufen. Diesem Bilderstreit begegnet Olaf Steinkühler mit einer Innenschau, die in den Reflexen des Äußeren durchscheint und auf ein Durchleuchten des Sichtbaren zielt.

Die Photografie ist das Medium der Sichtbarkeit schlechthin. Es potenziert das Sehen als Macht des Auges, weil es nicht nur abbildet, was ist, sondern eindringt in das Gegenüber und z.B. Teil jenes wissenschaftlichen Eindringens wurde, das auch als „Penetration des Blicks“ bezeichnet wird. Fotografie steht für die Erkenntnis der nackten Tatsachen. Ob als Zeichen lesbar oder dem Augensinn optisches Ereignis, im Foto überschneiden sich symbolische Inszenierung und Bilddokument zu einem Sehakt, der den Betrachter – als Sehenden wie als Deutenden - zum mitverfügenden Komplizen über ein Bild gewordenes Anderes werden lässt.

Für die Arbeiten Olaf Steinkühlers ist wichtig, dass sich in der Überlagerung der dokumentierenden und deutenden Ebenen ein Zwischenraum für die Interpretation des Gesehenen öffnet, ein Blickfeld, das sich der medialen  Doppelcodierung der Fotografie verdankt.  Das Sichtbare des Foto-Bildes dokumentiert den Seheindruck als etwas gleichgültig Visualisierbares und inszeniert ihn zugleich, macht ihn bedeutsam. Die Sensation für den Betrachter liegt in den Möglichkeiten der Blickführung, im Ausschnitt und im Fokussieren zum Beispiel, die Lichtführung nicht zu vergessen. Dieses operationalisierte Verfahren, das das Sehen konditioniert, ist jedoch zu einem Bilckregime gereift, das den Blick aufs Leben zu einer Definition des Gegenüber macht, zur Konstruktion des Gegenüber als kontrolliertes, im Fadenkreuz der fokussierenden Linsen „geschossenes“ Bild. Der Betrachter wird zum Voyeur eines Ereignisses, bei dem er nur Zuschauer ist. Olaf Steinkühler versteht das Foto ebenfalls als prinzipiell zu inszenierendes Medium, dessen unterwerfende Eigenschaften er jedoch durch die Offenlegung des inneren Blicks untergräbt. Was seine Inszenierungen zusätzlich auflädt, ist der mit dem Unbewussten im Bunde stehende Zufall. Diese Konstellation in eine Anmutung der Stille, des Innehaltens zu überführen, ist eines jener Bild gewordenen Gleitzonen, die das Sehen in einen Zustand des Verweilens und der inneren Sammlung überführt.

Hier liegt eine der Perspektiven, die die Fotografie im Zeitalter des Bilderverschleißes weiterhin glaubwürdig machen kann. Eine andere ist es, die Inbesitznahme des Sehens durch die Konditionierung des Blickes mit Hilfe des Fotomediums selbst zu überwinden. Das hieße die Fotografie als generativ zu begreifen, geschützt von regulierenden Eingriffen von außen.

Darin liegt auch die Kraft, die Fotografie  als Zeugin für den  ersten Augenaufschlag, für den erste Blick wieder zu entdecken, um  noch jenen unbewussten Zustand des Tagtraums, wie Olaf Steinkühler ihn träumt, Bild werden zu lassen. 

Prof. Dr. Martin Roman Deppner, Hamburg im Mai 2014